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Besuch und Geister

Es ist Samstag, Wochenende. Viele meiner Kollegen benehmen sich so, als hätten die in der Woche Großartiges geleistet und könnten nun die Sau rauslassen.

Für mich aber steht Besuch an. Ich räume meine Bude auf und bin nicht sonderlich begeistert, Familie zu empfangen. Das liegt nicht an der Familie, es handelt sich um den angeheirateten Teil, nicht um meine biologische. Wir gehen Pizza essen, mir werden ein paar Fotos von irgendwelchen Ereignissen vorgelegt. All das bringt mir nicht viel, es bringt mich nicht weiter. Meine Familie ist in alle Winde verstreut, meine Eltern sind vor Jahren gestoben. Gerade sie wären es gewesen, die mir hätten Fragen beantworten können.

Ich denke da an die Briefe und Schriftstücke, die ich nach dem Tode meiner Eltern an mich genommen hatte. Darunter waren auch Briefe meiner ehemaligen Freundin Charlotte, in denen sie mich fragte, warum ich mich nicht melden und warum ich ihre Briefe nicht beantworten würde. ich brauchte einige Minuten, um zu verstehen, was sich da vor vielen Jahren abgespielt hatte. Diese Briefe hatten mich nie erreicht, sie wurden unterschlagen, von meiner mich so liebenden Mutter. Charlotte, es tut mir leid, es war nicht meine Schuld.

Am späten Nachmittag verabschieden sich meine Gäste. Ich gehe spazieren, treffe Hajo. Er erzählt mir, dass er auf ETT, also so eine Art 'Heimaturlaub' soll und dass er Angst davor hat. Ich beruhige ihn, sage ihm es ist normal, wenn jemand mit seinem Suchtgebiet wieder konfrontiert wird. Aber es ist eben eine Art Messinstrument, eine Erfahrung, die ihm zeigen kann, wie weit er ist. Er sollte mit seinem Therapeuten über seine Geister der Vergangenheit sprechen.

Die gefürchtete Supervisions-Visite

Heute steht die Supervisions-Visite an. Die Verunsicherung meiner Mitpatienten ist deutlich zu spüren. Na klar, die Gespräche drehen sich nur noch darum, dass 3 Weißkittel der Anstaltsleitung einen nach den anderen in den Raum bitte und sich mit dem Patienten unterhalten. Was gibt es da nicht für Geschichten! Fake-News waren schon immer sehr verbreitet. So sollen schon Patienten schreiend und heulend aus dem Zimmer gerannt sein. Ich bin eher gespannt darauf. Was soll schon passieren, wenn ich offen und ehrlich bin?

Ich bin als erster dran und ich versuche meine Euphorie über den bisherigen Therapieverlauf nicht zu sehr zu zeigen. Nach 10 Minuten darf ich das Zimmer wieder verlassen. Ich bin ein wenig enttäuscht - das war alles?  'Wie wars?' fragt mich ein Mitpatient.

'Ich hatte etwas mehr erhofft', entgegnete ich. Da ich nun 'frei' habe, gehe ich nach draussen und lasse diese Visite noch einmal in meinem Kopf abspielen:

"Werden Sie wieder trinken, wenn Ihre Therapie beendet ist?" war die einleitende Frage des Klinikleiters.

Ich antworte ihm, dass mir klar ist, dass ich alles verlieren w?rde, was mir lieb und teuer ist, und dass Alkohol für mich keine Option mehr ist, wenn ich noch etwas vor habe in meinem Leben.

Er nickt nur kurz und stellte die nächste Frage: "Sie werden ja demnächst Vater. Was verändert sich da für Sie?"

"Alles", antworte ich. "Wenn ich wieder trinke, dann reiße ich eine ganze Familie in den Abgrund. Und das werde ich nicht zulassen. Ich habe jetzt eine große Verantwortung."

Auch diese Antwort bleibt unkommentiert. Es folgt die nächste Frage, wobei der Leiter der Klinik mich über den Rand seiner Brille anschaut: "Wer oder was, glauben Sie, hat Schuld daran, dass Sie Heute hier sind?"

Ich erzähle ihm, dass es da einen Punkt in meiner Lebenslinie gibt, an dem mein Leben aus den Fugen geriet. Ein Punkt, an dem ich alleine nicht weiter kam und auch nicht auf Hilfe zählen konnte. Ein Punkt, der allerdings heute nicht mehr relevant sei. Und darüber versuche ich gerade, mir klar zu werden.

Es gab keinen Kommentar, keine erhoffte Diskussion oder Tipps. Ich war enttäuscht. Erst viel später erfuhr ich, dass es so in Ordnung war.

Das Spiel ist aus

Die Bombe ist geplatzt! Neil muss die Klinik verlassen! Was war passiert? Wir erfahren, dass er während des letzten Wochenendes Tabletten - Tranquilizer - zu sich genommen hat. Ich bin geschockt - geschockt, dass er so hart bestraft wird. Er war irgendwie ein Freund, ein Vertrauter.

Wenn du eine Therapie abbrechen muss, dann gibt es keine 2. Chance. Wenn dein Arbeitgeber dich zur Therapie 'geschickt' hat, wird er dich dann feuern. Ebenso wird dein Partner dich verlassen. Such dir schon mal eine Bank im Park, das Spiel ist aus.

Wir beschließen, ein Gespräch mit der Klinik-Leitung zu suchen. Am nächsten Tag sitzen wir mit dem Leiter der Klinik im Gruppenraum. Er ist uns meilenweit überlegen, kontert unsere Argumente locker aus. Mir wird klar, dass er Recht hat.

Wenn es schon nicht möglich ist, außerhalb der Schutzzone wenigstens ein Wochenende ohne Hilfsmittel zu bleiben, wie wird es dann, wenn diese Schutzzone ganz weg fällt?

Am nächsten Tag gehen Fritz und Willi. Ihre Therapie ist beendet. Es folgt das obligatorische 'Kofferpacken' bei dem die zurück bleibenden Patienten den beiden ein paar Worte mitgeben. Mit tut es leid, dass sie gehen, denn sie waren ein stabilisierender Faktor in der Gruppe. Was sie sagen, hatte 'Hand und Fuß'. Auch sie werde ich vermissen.

Hat er noch eine Chance?

Vieles geht mir durch den Kopf als ich durch Kiel gehe. Da ist nicht nur das Gefühl der plötzlichen Freiheit, der Möglichkeit, nach Wochen des Stationslebens einmal wieder alleine den Tag zu verbringen. Da ist noch mehr.

Am Vortag lernte ich G. kennen, 65 Jahre alt, vor kurzem Witwer geworden. Frührentner. Er tut mir leid und ich wechsel ein paar Worte mit ihm. Er ist neu, ein Frischling auf der Nachbarstation. Nein, er weiß nicht, warum er hier ist und er hat auch keinen Plan. Er lebt nun alleine und alles was er hat sind seine 4 Wände in denen er seiner Einsamkeit frönt. Er ist irgendwie schon tot und merkt es nicht.

Ich frage mich, ob es für ihn überhaupt noch einen Grund gibt, trocken zu werden, eine Zukunft, irgend etwas. Es deprimierte mich, als unser Gespräch beendet war und er in seine Station zurück schlurfte. Was würde ich an seiner Stelle machen? Ganz ehrlich: weiter saufen. Manchmal hat das Leben nichts mehr zu bieten, für das es sich lohnt, seinen Trostbringer - den Alkohol - beiseite zu stellen.

Aber ich habe noch mein Leben vor mir, ich habe eine Familie und Pläne. Viele Pläne. Eine Zukunft.

Ohne Zukunft ist alles nichts wert.

Ich atme tief durch und gehe weiter, vorbei an der Kieler Bucht. Ich bin froh, dass ich einen Plan und eine Zukunft habe.

Keine Chance

8 Miles high

Die nächsten Tage befand ich mich in einem nie dagewesenen Hochgefühl. Ich räumte mein Zimmer auf und um, ich besiegte meinen Schachcomputer auf höchster Stufe, ich konnte die ganze Welt umarmen. Was mich nur ein wenig ärgerte, war das reservierte Verhalten meiner Familie und meiner Freunde und Verwandten. Erkannten die denn nicht, was passiert was? Welch Riesenschritt ich gemacht hatte? Nein, sie teilten meine Euphorie nicht. Wie konnten sie auch?

Wieder einmal gingen meine Gedanken zurück und ich dachte an all die Versprechungen, Ausreden und Lügen, die mein Umfeld sich all die Jahre anhören musste. Warum sollte es dieses Mal anders sein? Warum sollten sie mir diese Mal glauben?

Es würde dauern. Aber das war mir klar und wenn es Jahre dauern würde, dann würde es eben Jahre dauern. Hatte das einen Einfluss? Konnte mich das davon abhalten, von nun an trocken zu bleiben?  Natürlich nicht, denn ich hatte ein stabiles Umfeld, das mich unterstützte. Viele haben dieses Glück nicht.

Ich stelle mal eine Theorie auf: nimm die Jahre, die du gesoffen hast. Das entspricht etwa der Zeit, die du nun benötigen wirst, dein Suchtverhalten so weit zu beseitigen, um 'trocken im Kopf' zu werden.

Der Durchbruch

Nach diesem hart erkämpften Besuch Kiels nehme ich am Wochenende zunächst den Bus, dann die Bahn nach dieser Ostseestadt. Überhaupt tut es gut, mit klarem Kopf durch diese belebte Stadt zu laufen. Trotz all der Menschen um mich herum, die drängeln, es eilig haben und dringend irgendwo hin müssen, fühle ich mich wohl. Und frei. So richtig frei. Ich lasse mir die letzten Gruppenstunden noch einmal durch den Kopf gehen, bis hin zu der erlösenden Bemerkung des Therapeuten. 'Nun habe ich Sie verstanden!'.

Er hat verdammt noch einmal recht; wie oft habe ich rumgedruckst statt Klartext zu reden? Womöglich fing das ja schon im Elternhaus an - statt den Eltern klipp und klar zu sagen: 'Wenn ihr besoffen seid, kann ich nichts mit euch anfangen". Statt dessen ließ ich mich als Co-Alki missbrauchen und holte ihnen am Wochenende Schnaps. Aber mal ehrlich: hätte ein Kind denn eine Chance gehabt, gegen die Eltern und ihren Alkoholkonsum zu opportunieren? Natürlich nicht, Eltern sitzen immer am längeren Hebel.

Nein, was gewesen ist, lässt sich nicht mehr ändern. Abhaken und besser machen. Ich werde meinen Kinder später den Alkohol weder verbieten noch verteufeln. Aber sie werden Fragen stellen, warum ich nicht trinke. Und das werde ich ihnen offen und ehrlich beantworten.

Gabis Beitrag: Alkoholismus "in a nutshell"

Heute mal ein Gastbeitrag, ein Gedicht von Gabi, das sie über ihre Alkoholsucht geschrieben hat:

NICHT ICH... - ICH

Hübsch angepasst und wohlgelitten
bin durch das Leben ich geschritten,
eifrig bemüht, die andern zu studieren,
um jederzeit wie sie zu reagieren,
zu lachen nur im Allgemeingelächter,
meinem Gefühl ein steter Argus-Wächter.
Wie war das schön: Ein jeder mochte mich.
Nur tief in mir war ich - nicht ich.

Dein Tod hätt’ mich vor Schmerz zerreißen müssen,
doch meine Seele wurde nur zu Stein.
Ich funktionierte weiter wie bisher.
Jedoch das letzte Stückchen Selbst in mir
das wollte schreien, brauchte ein Ventil
und fand’s in jedem hochprozentigen Getränk.
Das Ich in mir ging einen langen, schwarzen Pfad.
Doch jenseits einer lichten Schwelle
fand ich Erkenntnis, die es vorher niemals gab:

Ich steh’ und falle nicht mit eurem Mögen
ich sag „Na und?“, wenn ihr euch echauffiert
und reg’ mich auf ganz ohne euren Segen,
lach’ an den „falschen Stellen“ auch ganz ungeniert.
Ich bin nicht mehr so schrecklich angenehm,
bin wie das Wetter rasch veränderlich,
zuweilen euch sogar recht unbequem.

Was soll’s? Heut bin ich - ich.

Therapietagebuch: Was will dieser Therapeut?

Unser Therapeut geht in den Urlaub. Große Aufregung in der Teeküche, in der wir oft beieinander sitzen und diskutieren oder einfach nur abhängen. Unser Therapeut ist recht beliebt bei den Mitpatienten durch seine ruhige Art. Dr. W., der seine Vertretung übernehmen wird, dagegen nicht. Er gilt als 'scharfer Hund'.

Mir ist das relativ egal, wer Therapeut ist. Insgeheim bin ich gespannt auf den scharfen Hund, denn Harmonie ist meiner Ansicht nach Gift für eine Gruppensitzung. Nur wenn Konflikte so richtig hoch kommen, wird es interessant. Allerdings rechnete ich nicht damit, dass ich mal so richtig von diesem Therapeuten ran genommen werden würde und zwar auf unerwartete Art und Weise.

Für das nächste Wochenende hatte ich mir Kiel als Ausflugsort ausgesucht. Wie es sich gehörte, stellte ich in der nächsten Gruppensitzung einen Antrag beim zuständigen Therapeuten, in diesem Fall Dr. W.

"Warum wollen Sie denn nach Kiel?" fragte er mit einem süffisanten Lächeln.

"Nun", meinte ich, "spazieren gehen, Schiffe angucken und so. Vielleicht irgendwo essen gehen."

"Aha", entgegnete er. "Allerdings verstehe ich nicht, warum Sie dort hin wollen."

Ich versuchte es erneut und erklärte ihm, dass ich mal etwas Anderes sehen wollte und der Kieler Hafen wäre ja interessant..."

"Ich verstehe noch immer nicht, warum Sie nach Kiel wollen!" war seine lapidare Antwort und allmählich wurde ich unsicher, ob ich überhaupt noch dort hin wollte. Meine Mitpatienten begannen langsam zu murren, sie verstanden das Spiel des Therapeuten nicht.

So ging es dann über 2 Gruppensitzungen, die jeweils 45 Minuten dauerte und ich versuchte immer wieder zu erklären, warum ich nach Kiel wollte, interessante Stadt, etwas Einkaufen...

"Ich verstehe noch immer nicht, warum Sie nach Kiel wollen!"

Nur noch wenige Minuten, dachte ich und du hast das hier überstanden. Ich überlegte - worauf wollte der Kerl hinaus?

Dann rief ich: "Weil ich es will!"

Der Therapeut rückte seine Brille zurecht und lächelte: "Nun habe ich verstanden, warum Sie nach Kiel wollen!" Dann unterzeichnete er den Antrag.


"So ein Quatsch!" schimpften meine Mitpatienten, als wir uns zu einem Kaffee in die Küche zurückzogen. "Was wollte der Typ überhaupt? Das kapiert doch keiner!"

"Aber ich habe es kapiert", meinte ich nachdenklich. "Wir müssen lernen zu sagen was wir wollen. Jahrelang haben wir rumgedruckst statt Klartext zu reden. Im Klartext heißt zu sagen: 'ich will!' oder auch: 'ich will nicht!'"

Ich hatte verdammt viel gelernt in diesen 2 Gruppenstunden. Es kam mir für mein weiteres Leben zugute.

Therapietagebuch: Verstehen, warum es so ist

Das Wochenende ist da und die Klinik leert sich ein wenig. An diesem Wochenende werden 3 Leute 'verschwinden'. Seit dem ersten Tag der Therapie notiere ich, was ich über den 'Flurfunk' erfahre und wenn ein Mitpatient auf einer Station die Klinik verlässt oder verlassen muss, macht das schnell die Runde. Viele nutzen das Wochenende, um nach Hause zu fahren. So manch einer bleibt dann nach einem Rückfall ganz weg. Es hätte auch keinen Sinn, in die Klinik zurück zu fahren, der Rausschmiss ist der Person sicher. Um es kurz zu machen: Nummer 12 hielt es in der Klinik nicht mehr aus und Nummer 13 und 14 wurden während der Externen Therapietage rückfällig.

Natürlich frage ich mich: kann dir das auch passieren? Abbrechen? Keinesfalls, so gut wie hier habe ich mich seit Jahren nicht mehr gefühlt. Hier bin ich sicher, hier ist meine 'Käseglocke'.

Und was ist mit saufen? Ehrlich, ich weiß es nicht. Ich kann nicht sagen: ich gehe jetzt locker an meiner Lieblingstankstelle vorbei und pfeife. Nein, ich habe keine Ahnung, wie mir in dieser Situation zumute sein wird. Bald werde auch ich am Wochenende nach Hause fahren, auf 'ETT' (Externe Therapie Tage) gehen dürfen und dann weiß ich mehr.

Um es offen zu sagen: ich will nicht auf ETT gehen, noch nicht. Und ich will auch keinen Besuch von Familie, Verwandte etc. haben. Es ist noch zu früh. Es ist dieses 'In das alte Verhaltensmuster zurück fallen' vor dem ich Angst habe. Wenn ich eine Therapie mache, sollte ich so weit wie möglich von meinem gewöhnten Umfeld weg sein, wenig Kontakt. Ich muss mich erst festigen bevor ich zurückkehre.

All das geht mir durch den Kopf während ich entlang der Landstraße zum nächsten größeren Ort laufe. Dort kaufe ich mir einen Füllfederhalter. Ich habe seit Jahren nicht mehr mit Tinte geschrieben, ich will es einfach mal wieder. Ich will etwas Neues anfangen und ich werde übers Wochenende eine Menge zu schreiben haben über das, was in der letzten Woche passiert hat. Wie es 'Klick' in meinem Kopf gemacht hat und ich begriff, warum ich trank, was ich damit erreichen wollte.

Ich hatte also verstanden, warum die Dnge so waren und warum es so kommen musste und dieses Begreifen war der erlösenden Moment. Wenn ich das jetzt auf die Zukunft ausrichtete, bedeutete das: ich brauchte nicht mehr trinken, denn das Problem, das mich zum Trinken trieb, existierte faktisch gar nicht mehr, bzw. es konnte ohnehin nicht mehr rückgängig gemacht werden. Die Dinge hatten sich geändert und nun konnte ich mich endlich auch ändern, weil ich genau das begriffen hatte. ich kann nur Dinge ändern, wenn ich begreife, warum sie so sind, bzw. waren.

Das leben wurde wieder schön. Es werden noch viele, kleine, neue Schritte kommen.

Therapietagebuch: Klick im Kopf

„Es muss Klick im Kopf machen“.

Wie oft hatte ich das von den 'Älteren' in meiner Gruppe zu hören bekommen. Ja, die hatten leicht reden, die waren seit -zig Jahren trocken. Ich jedoch baute einen Rückfall nach dem anderen und ein Ende war nicht in Sicht. Der Alkohol war nun mal mein einziger Freund, obwohl er mich vernichten würde.

Dieses 'Klick' im Kopf zu erreichen war mein Ziel. Und dann war es soweit!

Den Vortrag meiner Lebenslinie vor der Gruppe hatte ich vorziehen können. Rolf, die alte Schnarchnase war noch nicht soweit und deshalb tauschten wir. Somit verbrachte ich die Stunden damit, auf einem DIN-A3 Bogen eine Linie zu zeichnen, Höhen und Tiefen meines Lebens verbunden mit den Ereignissen, die jeweils stattgefunden hatten. Und da lag es plötzlich vor mir, diese Jahreszahl, der Anfang von allem! Bis zu diesem Datum war mein Leben das eines normalen Jugendlichen, sieht man mal von den häuslichen Alkoholexzessen und Problemen meiner Eltern ab. Das passiert in vielen Familien und deswegen wird ein Jugendlicher nicht automatisch von Suchtmitteln abhängig. Nein, es war mehr passiert - die Tramptour nach Schottland, das Zusammenleben mit einem Freund in totaler Freiheit.

Und dann die Rückkehr. Vorbei war es mit dieser tollen Kameradschaft, den Abenteuern, der Freiheit und Unbeschwertheit. Statt dessen verhasste Schule, kaputtes Elternhaus, Tristesse. Das war nicht mein Leben und meine Seele war dort geblieben, wo ich glücklich gewesen war.

Nun lag es vor mir: ein großes, weißes Blatt Papier das mir sagte, warum es so gekommen war.

Ich verließ das Zimmer und das Klinikgelände und ging durch den Wald Richtig Schellhorn. Meine Gefühlswelt war am Explodieren, ich musste alleine sein. Tränen liefen mir übers Gesicht, Freudentränen. Ich hatte begriffen, warum ich trank, warum es so war! Und ich hatte noch etwas begriffen, was mich vor Freude laut schreien ließ:

Jetzt wusste ich, dass es keinen Grund mehr für mich gab zu trinken! Jetzt wusste ich, was ich machen musste! Ein neues Leben lag vor mir!


Es hatte 'Klick' gemacht.

Therapietagebuch: 'Es überkam mich einfach'

Der Tag begann mit der Meldung, dass mittlerweile der 11. Patient seit dem ich hier bin, verschwand. Er kam einfach nicht vom 'Miniurlaub' zurück. Dieser Miniurlaub, auch ETT (Externe Therapietage) genannt, dient dazu, unerledigte Dinge zu Hause zu erledigen oder ganz einfach mal wieder Verwandte, Freunde und Bekannte zu besuchen. Letzteres ist schwierig, wenn man in Scheidung lebt und die einzigen 'Freunde' die aus der Kneipe sind. So sitzt man/frau dann alleine in den 4 Wänden und die Vergangenheit kommt viel zu früh zurück in den Alltag. Unvorbereitet fällt man/frau dann schnell in die alten Verhaltensmuster.

Und wer war der, der einem immer in solchen Situationen geholfen hat? Richtig, der Alkohol.

So manches Mal - sofern es möglich war - saßen wir dann zusammen. Warum hast du wieder getrunken? Was ist in dir vorgegangen? Die Antworten waren vielfältig, doch sie kamen alles auf das Gleiche heraus: 'Ich weiß es nicht', 'Es überkam mich einfach', 'ich kann mich nicht erinnern'. Ausreden und Ausflüchte.

Ehrlicher wäre wohl der Satz gewesen 'ich war noch nicht soweit'. Doch die Zeit hier ist kurz, viel zu kurz. Mittlerweile wurden die Leistungen zur medizinischen Rehabilitation immer weiter gekürzt und die Dauer der 'Entwöhnungsbehandlung' immer kürzer. So manches Mal wurde ein Patient wieder in die vermeintliche Freiheit entlassen gerade als er sich seinem Problem näherte. Nicht jeder schafft es - oder hat das Glück - sich seinem Problem schnell zu nähern. Dieses 'Klicken im Kopf', von dem ich so oft von abstinenten Bekannten gehört hatte - ich sollte es erleben. Doch mehr dazu in den folgenden Artikeln.

Im Moment beunruhigt mich der stämmige Typ mit den dunklen Haaren und den dunklen Augen. Er war gerade im Miniurlaub und seitdem ist er noch verschlossener als vorher. Er will sogar nicht mit zum Tischtennis. Was ist passiert?

Therapietagebuch: Jeder Säufer spielt spielt Ihnen doch etwas vor

Meine Stimmung ist etwa in Kellerhöhe. Uns wird mitgeteilt, dass der normale Therapieablauf für die nächsten drei Tage geändert wird. manche freut es. Mich nicht. Ich will weiter machen, sowohl in der Gruppe als auch mit dem täglichen Sport, der mir sehr gut tut. Statt dessen jedoch kommen einige Leute aus der 'realen' Welt zu uns. Es sind Suchtbeauftragte von Betrieben, Sparkassen, Behörden und was sonst noch alles. Sie wollen von uns lernen, inspiriert werden für ihren Alltag. Ja, da bin ich wirklich nicht scharf drauf und so kommt es, wie es kommen muss.

Sie trägt eine modische Kurzhaarfrisur und ist sehr attraktiv. Sie heißt Sybille und arbeitet in einem Betrieb als Suchtbeauftragte. Sie möchte gerne meine Meinung dazu wissen und ich sage ihr:

„Sind Sie schon einmal vor Nervosität und Saufdruck am frühen Morgen die Wände hochgegangen? Hätten Sie schon einmal alles getan, nur um einen winzigen Schluck Schnaps zu kriegen? Sie als 'Normale' werden das nicht nachempfinden können, und ich sage Ihnen und Ihren Kollegen, dass für solch eine Aufgabe nur ein ehemaliger Alkoholiker geeignet ist. Nur der ist einem Alkoholiker gewachsen. Jeder Säufer spielt spielt Ihnen doch etwas vor.“

Sybille brachte nur noch entsetzt „Ja, und was sollen wir denn hier?“ hervor. Sie tat mir etwas leid, aber das war nun mal meine Meinung, und die basierte auf so einigen Erfahrungen. Na super, jedenfalls war aus der langweiligen Schnarchveranstaltung doch noch eine richtig geile Diskussion geworden. Das gefiel mir schon weitaus besser.

Der zweite Tag begann damit, dass sich jeder der 'Normalos' einen Patienten aussuchen sollte, mit dem er dann den Tag verbrachte. Es überraschte mich nicht, dass Sybille mich wählte, übrigens sehr zur Enttäuschung meiner Mitpatienten. So gingen wir lange spazieren und sie lud mich zum Essen ein. Wir waren länger als die andere 'Paare' unterwegs und wir setzten das am nächsten Tag noch lange fort.

Sybille, ich hoffe, Du hast Erfolg in deinem Beruf als Suchtbeauftragte. Du hast viel gefragt und ich habe viel geantwortet. Es hat uns beiden geholfen.

Therapietagebuch: Wenn es weh tut, dann bleib!

Der Regen fällt, die Sonne macht Pause.Aber das ist egal, denn das, was vor mir auf dem Tisch liegt, lässt meine nähere Umgebung verblassen.

Zahlen und Buchstaben - sie fügen sich zu einer Geschichte zusammen. Seit Stunden versuche ich eine graphische Linie zu zeichnen. Sie verbinden Jahreszahlen, Daten aus meiner Vergangenheit. Eine Art Muster wird sichtbar, aber es fehlt noch einiges. Immer wieder reiße ich ein Seite aus dem großen Block und stopfe sie in den Müll. Dann fange ich wieder von vorne an. Die Gedanken an manche Dinge tun mir weh und ich muss an den Satz eines Suchthelfers denken, mit dem ich viele Stunden verbracht hatte: 'Wenn es weh tut und du die Koffer packen willst, dann bleib, denn dann wird es interessant'. Und so trage ich noch einmal die Daten ein und die Vergangenheit ist plötzlich Gegenwart. Das Begräbnis meines Vaters, als ich schon Früh am Morgen in die Stadt fuhr, Schnaps tankte und dann wenige Stunden später die unausweichliche Beerdigungsfeier mitmachte. Dann der Tot meiner Mutter, als ich ein letztes Mal mein Zimmer sah, in dem in aufwuchs und natürlich die Wohnung, in der so viel falsch gelaufen war.

Es ist nicht einfach, sich der Vergangenheit zu stellen, doch das Schwierige daran ist herauszufinden, warum waren manche Dinge so? Warum ich die Schule schwänzte und statt dessen auf dem Dachboden die Stunden mit Tabletten und Alkohol verbrachte, nun, das war mir schon klar. So lange war es ja auch nicht her das mir die ganze Schule auf den Sack ging. Aber wieso das niemanden auffiel wenn ich schon am hellen Tag zugedröhnt war, das verstand ich nicht. Aber letztlich war es egal, denn das trug ohnehin nicht zur Lösung bei. Wichtiger war die Frage: wie konnte es so weit kommen, dass die Dinge so waren?

Ich fühlte mich gut, ich fühlte mich stark, ich fühlte mich auf dem richtigen Weg. Doch schon am nächsten Wochenende wurde ich auf den Boden der Tatsachen zurück geholt.

Da ich inzwischen die Klinik alleine verlassen durfte, unternahm ich einen kleinen Tagesausflug. Mein Schreck war kein geringer, als ich ein befreundetes Ehepaar traf und es unmöglich war, auszuweichen. Herzliche Begrüßung und dann die verhängnisvolle Frage: 'Und was machst du hier?'

Ich stotterte etwas von Behandlung wegen Rückenschmerzen. Nachdem sich unsere Wege wieder getrennt hatten, schämte ich mich. Nein, ich schämte mich nicht nur, ich war wütend. Wütend über mich selbst. Rückenschmerzen? Welch eine feige Ausrede! Feigling! Nichts gelernt. Gar nichts!


Nein, ich war noch lange nicht auf dem richtigen Weg und diese Erkenntnis tat weh.

Therapietagebuch: Bist du noch ganz dicht?

Die Sonne ist nach einigen grauen Tagen wieder aufgetaucht und lacht vom Himmel. Mein ehemaliger Zimmernachbar allerdings hat nichts zu Lachen. Er ist ein lieber, netter Kerl obwohl er schnarcht, aber Heute bringt er mich auf die Palme.

Er hat wenige Tage vor mir die Therapie angetreten und somit ist der auch vor mir dran, seine Lebenslinie vor der Gruppe vorzutragen. Eigentlich wollte ich ihn nur fragen, wie weit er denn schon damit ist, doch da fällt mein Blick auf ein paar der vielen Fragebögen, die wir im Zuge der Therapie ausfüllen sollen. Mein Blick fällt auf die Frage: 'Für wie schwerwiegend halten Sie Ihr Alkoholproblem?

'Sag mal, bist du noch ganz dicht?' fauche ich ihn an. 'Du stufst dein Alkoholproblem als 'mittel' ein? Warum glaubst du, bist du wohl hier? Warum wird dein Arbeitgeber dich rausschmeißen und deine Frau dich verlassen? Warum wirst du in ein paar Jahren - völlig gelb am ganzen Körper - in irgendeiner Intensivstation den Löffel abgeben? So, nun überlege mal, ob du das wirklich so beantworten willst.' Ich gebe ihm den Fragebogen zurück. In seinem gutmütigen, fast schon teilnahmslosen Gesicht zuckt es kurz. Dann setzten wir uns hin und gehen sämtliche Fragebögen noch einmal durch. Zwischendurch gehen wir spazieren, diskutieren und landen Stunden später wieder im Zimmer. Mein ehemaliger Zimmernachbar ist sehr nachdenklich geworden.

Bevor es Schlafenszeit wird, kommen wir noch einmal auf seine bevorstehende Lebenslinie zu sprechen. So wirklich angefangen hat er damit noch nicht und in ein paar Tagen soll er sie vortragen. Doch irgendwie hat dieser träge, liebe Kerl nun einen Plan. Aber er braucht noch etwas Zeit all das auszuarbeiten. Ich schlage ihm vor, dass wir tauschen: erst trage ich meine Lebenslinie vor und er danach. Damit ist uns beiden geholfen, denn irgendwie brenne ich darauf, endlich zu meinem Vortrag in der Gruppe zu kommen. Zwar mag ich nicht gerne vor vielen Leuten sprechen, aber mein Gefühl sagt mir, dass dieses sehr, sehr wichtig sein wird.

Ich warte auf den 'Klick', diesen ominösen Klick und er wird kommen. Ich spüre es.

Therapietagebuch: Eine Kornflasche am Wegrand

Diese langen Spaziergänge, ich genieße sie. Landstraßen, auf denen selten mal ein Auto vorbeikommt, weite Felder und Bauernhöfe. Ich brauche Zeit für mich alleine, um alles noch einmal Revue passieren zu lassen. Freitag. Die Gegen hier ist dafür ideal, einsame Landstraßen, Feldwege, manchmal begegnet man stundenlang keinem Menschen. Aber einer leeren Kornflasche. Sie liegt am Wegrand. Ort und Zeit stimmen nicht, sonst hätte es meine gewesen sein können. Es ist 'meine' Marke. Was will sie mir sagen? Ich nehme die Flasche in die Hand und betrachte sie. Es ist gut, dass wir beide hier ganz alleine sind, denn falls mich jemand mit einer Flasche Schnaps, bzw. diesem 'Flachmann' am Wegrand sieht, könnte es schlimme Missverständnisse geben. Aber wir sind alleine, die Flasche ist fast sauber, ein kleiner Schluck, vielleicht ein Fingerhut voll, ist noch drin. Ich horche in mich hinein: was empfinde ich, was sagt mein 'Bauchgefühl'? Aber da ist nichts, keine Angst und kein Verlangen.

Meine Gedanken gehen zurück, es ist Sonntag. Unter einem Vorwand verlasse ich die Wohnung und beeile mich, zur nahe gelegenen Tankstelle zu gelangen. Der extra große Flachmann ist mein Ziel, er wird mir helfen, mich besser zu fühlen. Nur er kann mir gegen diese innere Leere helfen, gegen die Unruhe, das Zittern. Ich suche einen Platz, an dem mich keiner sehen kann und leere die Flasche, dieses 'Gluck-Gluck' beim Trinken beruhigt. Dann landet die leere Flasche am Wegrand. Mein Puls rast, beruhigt sich aber schnell. Hat mich jemand gesehen? Scheinbar nicht. Mein Blick scheint ein wenig 'schwammig' zu werden, ein beruhigendes, bleiernes Gefühl macht sich breit. In meiner Hosentasche ist noch ein Geldschein. Der Tag ist noch lang, besser ich nehme noch Vorrat mit. Der Tag ist in diesem Moment beendet.

Mein Blick trifft wieder die leere Flasche. Sie kann nichts dafür. Ich lege sie an den Wegrand zurück. Vergangenheit.

Als ich dieses Erlebnis in der Gruppe erzähle, grinst der Rothaarige und spricht von Suchtverhalten und 'Rückfall im Kopf'. 'Du tastest dich wieder an den Alkohol heran!' sagt er. Mag sein, dass das so aussehen mag, aber meine Empfindungen kann er nicht fühlen. Ich bin froh und auch erleichtert über diese Empfindungen, denn sie sind echt. Und das weiß nur ich.

Die ersten beiden Wochen sind herum. Endlich ist die sogenannte 'Informationsphase' beendet und ich darf nun an der Werktherapie und - was mich besonders freut - am Sport teilnehmen. Auch soll ich meine Therapieziele für jeden sichtbar im Gruppenraum aufhängen. Es fällt mir nicht schwer, die zu definieren. Das Wichtigste steht an erster Stelle: Offenheit - mir selbst und anderen gegenüber.